Camping Car Park oder die Befreiung Frankreichs

Campings municipaux sind von den Kommunen betriebene Campingplätze in Frankreich. Saß dort früher meist noch eine nette Studentin oder eine liebenswerte ältere Dame am Empfang, wurden viele dieser Plätze in den letzten Jahren von Anbietern wie Camping Car Park übernommen.

Zumindest auf dem Papier klingt das hervorragend. Online buchen, Kennzeichen hinterlegen, Schranke öffnet automatisch, fertig. So jedenfalls beschreibt es die Homepage. Die Realität sollte sich bei unserem Besuch allerdings etwas anders darstellen.

Wir waren auf der Durchreise an den Atlantik und hatten den Platz spontan bei park4night entdeckt. Jessica versuchte sich mit ihren damals zehn Jahren an ihrer ersten Online-Buchung. Abgesehen von ein paar Netzaussetzern funktionierte das erstaunlich gut.

Der Check-in verlief ebenfalls problemlos. Vorfahren – Kennzeichenerkennung – reinfahren.

Der Platz selbst war eher so lala, dafür aber günstig.

Unser Nachbar war ein beneidenswert entspannter Schweizer, der mittlerweile in Frankreich lebte. Warum genau, wusste er offenbar selbst nicht so recht. Er hieß Patrick, sah aber aus wie eine Mischung aus Axl Rose und Jesus. Vor seinem klassischen Tipi saß er mit seiner Friedenspfeife in einer aufblasbaren Camping-Lounge.

Offensichtlich hatte er eine gewisse Affinität zu alten Wildwestschinken. Aus seiner Bluetooth-Box lief die Filmmusik irgendeines Westernklassikers. Ich musste jedenfalls sofort an „Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle“ denken und rechnete eigentlich damit, dass gleich Bud Spencer persönlich um die Ecke kam.

Patrick war definitiv voll im Urlaubsmodus angekommen. Er hatte die Ausstrahlung eines Menschen, der entweder die Geheimnisse des Universums verstanden hatte oder einfach hervorragend Urlaub machte.

Ich dagegen war noch nicht ganz angekommen.

Ich hatte mal wieder eine leere Gasflasche quer durch die Republik gefahren, womit das geplante Angrillen beim Zwischenstopp leider ausfallen musste. Das drückte bereits etwas auf die Stimmung.

„Das ist jetzt die dritte leere Gasflasche, die mehr von Europa gesehen hat als ich“, raunzte Sabine.

„Man gut, dass wir drei Excel-Checklisten haben. Eine für Sommercamping, eine für Wintercamping und eine, auf der zehnmal Gasflasche steht!“

„Aber gut, dass du sie mitgenommen hast, Papa“, warf Jessica dazwischen.

„Wieso?“

„Nicht, dass sie sich zu Hause einsam fühlt.“

„Marvin, schreib doch noch mal fett Gasflasche auf die Checkliste Sommer.“

„Alles klar. Ist jetzt zum elften Mal notiert.“

Ich ging erst einmal aufs Klo und bestellte heimlich Pizza für alle.

Schneller kann man Familienfrieden nicht wiederherstellen.

Nach Patrick stieß noch ein weiterer Nachbar zu unserem Trio. Mirakulix mit Sonnenbrille trifft die Beschreibung wohl am besten. Optisch passte er jedenfalls hervorragend zu Patrick. Allerdings kam er aus Ingolstadt. Seinen Knaus Deseo mit individueller Blumenfolierung teilte er sich mit einer Harley und vier Kisten Bier.

Nachdem wir die Pizza vernichtet und eine Flasche Rosé geleert hatten, kamen wir beim Abspülen mit Patrick weiter ins Gespräch. Er hatte offensichtlich Redebedarf und wollte uns seine Weltanschauung etwas genauer erklären.

Sabine und die Kinder verabschiedeten sich nach einer Stunde mit der Ausrede, wir seien schließlich schon so früh losgefahren.

Ich stieg gemeinsam mit Mirakulix und Patrick noch etwas tiefer in die große Weltverschwörung ein. Gegen ein Uhr nachts diskutierten wir über alte Harleys, Wohnwagen, Außerirdische, Politik, Camping und vermutlich noch über vieles mehr.

Als ich schließlich in unseren Club kroch, stellte ich fest, dass auch bei mir langsam Urlaubsgefühl aufkam.

Am nächsten Morgen war gegen acht Uhr die Weiterfahrt geplant.

Patrick war erstaunlicherweise bereits wach und stand neben mir, als ich den Club an den T4 koppelte.

Er wirkte beneidenswert fit und natürlich total entspannt.

Ich dagegen befand mich eher in der Übergangsphase zwischen Vorabend und Gegenwart.

Oder wie Sabine es ausdrückte:

„Patrick ist im Urlaubsmodus. Du bist noch im Reparaturmodus. Wenn du noch etwas langsamer wirst, hält dich jemand für Deko.“

Als alles verkoppelt, gesichert und abfahrbereit war, fuhren wir Richtung Ausfahrt.

Ausgestattet war der Platz mit einem hochmodernen Kameraerkennungssystem des Anbieters „Ich brauche null Personal, um einen Campingplatz zu betreiben“.

Wir rollten souverän vor die Schranke.

Die wiederum machte keinerlei Anstalten, sich zu bewegen.

Wir fummelten in der App herum. Kennzeichen falsch eingegeben? Buchung nicht aktiv? Hotline?

Fehlanzeige.

Es gab allerdings eine Kommunikationsanlage.

Das Teil sah aus, als hätte der Betreiber ausrangierte Fahrkartenautomaten der Deutschen Bahn aus den Achtzigern gekauft und daraus eine Kommunikationszentrale gebaut.

Ich drückte auf ein paar Knöpfe, die so aussahen, als könnten sie eine Verbindung herstellen.

Tatsächlich meldete sich ein Mensch.

Aufgrund der Lautsprecherqualität konnte man allerdings nicht erkennen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte oder ob ich auf Mittelwelle irgendeinen russischen Sender reinbekommen hatte.

Es folgte also mein Standardsatz in Frankreich:

„English or Allemand?“

Wie in neunzig Prozent aller Fälle kam die Antwort:

„Pardon Monsieur. Français, s'il vous plaît.“

Mein Blick wanderte zu Marvin.

Der wusste sofort, was auf ihn zukam, und schüttelte energisch den Kopf.

„Los, komm her. Die drei Jahre Französisch-Nachhilfe müssen doch für irgendwas gut gewesen sein.“

„Papa, ich habe Französisch abgewählt. Aus gutem Grund. Außerdem ist die Sprachbarriere hier das kleinste Problem. Ich verstehe auf Deutsch schon kein Wort.“

Da musste ich ihm recht geben.

In diesem Moment schlurfte Patrick heran.

„Gibt es ein Problem?“

„Die Schranke geht nicht auf.“

„Dann bleibt doch einfach noch ein paar Tage hier.“

„Patrick“, konterte Sabine, bevor ich antworten konnte, „das ist definitiv keine Option.“

„Aber du lebst doch in Frankreich“, sagte ich. „Mach der Dame mal klar, dass sie die Schranke aufmachen soll.“

Patrick trottete bereitwillig zum Apparat und sprach irgendetwas von „Barrière“.

Aus dem Lautsprecher schallte unverständliches Zeug zurück.

„Und? Was hat sie gesagt?“

„Keine Ahnung!“ Patrick zuckte mit den Schultern.

Die Versammlung um die Kommunikationsmaschine aus dem letzten Jahrhundert wurde immer größer. Die Verständigung wurde trotz inzwischen geballter Sprachkompetenz aus aller Herren Länder nicht besser.

Hinter uns hatte sich mittlerweile eine Kolonne gebildet.

Zwei Niederländer.

Drei Franzosen.

Ein Belgier.

Ein deutscher Rentner mit Dethleffs.

Und ein Engländer, der die Situation offensichtlich für eine touristische Attraktion hielt und bereits Fotos machte.

Der Franzose hinter uns hupte.

Der Niederländer hupte zurück.

Warum wusste niemand.

Es schien aber wichtig zu sein.

Währenddessen versuchte Patrick weiterhin mit der Dame im Lautsprecher Kontakt aufzunehmen.

„Barrière!“

Rauschen.

„Camping!“

Rauschen.

„Sortie!“

Rauschen.

„Monsieur!“

Rauschen.

„Merde!“

Daraufhin wurde die Verbindung plötzlich erstaunlich klar.

„Ah“, sagte Patrick zufrieden. „Jetzt versteht sie mich.“

„Und?“

„Keine Ahnung. Jetzt spricht sie zu schnell.“

Inzwischen hatte Mirakulix die Sonnenbrille abgesetzt und die Situation analysiert.

„Wir brauchen einen Plan.“

„Hast du einen?“

„Nein. Aber wir brauchen einen.“

Der deutsche Rentner brachte den ersten Lösungsvorschlag ein.

„Vielleicht noch mal rückwärts rausfahren und neu anfahren.“

Der Vorschlag wurde unter ansehnlichem Chaos getestet.

Die Schranke blieb unten.

Der Belgier schlug vor, die App zu löschen und neu zu installieren.

Die Schranke blieb unten.

Der Niederländer vermutete einen Defekt im Kennzeichenscanner.

Daraufhin hielten nacheinander sieben Camper ihre Kennzeichen direkt vor die Kamera.

Die Schranke blieb unten.

Ein Franzose kletterte auf die Einfassung der Säule und hielt sein Handy in die Luft.

Niemand wusste warum.

Die Schranke blieb unten.

Mittlerweile war die Kolonne auf etwa zwanzig Fahrzeuge angewachsen.

Aus den hinteren Reihen wurden Campingstühle geholt.

Jemand öffnete ein Bier.

Eine Familie frühstückte.

Ein älteres Ehepaar spielte Karten.

Der Engländer verkaufte die Situation vermutlich bereits als authentisches Frankreich-Erlebnis.

„Papa?“

„Ja?“

„Leben wir jetzt hier?“, fragte Jessica.

„Sieht fast so aus.“

Patrick saß inzwischen wieder in seiner Lounge und hatte beschlossen, dass die Schranke irgendwann von allein aufgehen würde.

„Alles im Universum regelt sich von selbst.“

„Die Schranke aber offensichtlich nicht“, bemerkte Sabine.

Nach einer weiteren Viertelstunde hatte Marvin genug.

„Papa.“

„Ja?“

„Die Schranke ist mit vier Schrauben befestigt.“

Ich schaute ihn an.

Er schaute mich an.

Wir schauten beide zur Schranke.

Dann zu Sabine.

„Nein“, sagte Sabine sofort.

„Ich habe noch gar nichts gesagt.“

„Doch. Dein Gesicht hat schon alles gesagt.“

Fünf Minuten später lagen die vier Schrauben auf dem Boden.

Der Schrankenbalken ebenfalls.

Die inzwischen versammelten Camper beobachteten die Operation mit gespannter Aufmerksamkeit.

Als die Ausfahrt frei war, brach spontaner Jubel aus.

Der erste Franzose fuhr hupend vorbei.

Dann der Niederländer.

Dann der Belgier.

Dann die gesamte Kolonne.

Irgendjemand klatschte.

Jemand pfiff.

Ein Wohnmobilfahrer streckte den Daumen aus dem Fenster.

Ein anderer rief:

„Vive la liberté!“

Ich stand mitten auf der Ausfahrt.

Ich hielt den Schrankenbalken neben mir wie einen Fahnenmast und nahm die Parade ab.

Links Patrick.

Rechts Marvin.

Hinter uns jubelnde Camper aus halb Europa.

Für einen kurzen Moment fühlte es sich an, als hätte ich gerade Frankreich befreit.

„Thorsten!“, rief Sabine aus dem Wohnwagenfenster.

„Ja?“

„Leg die Schranke wieder hin, oder besser: Schraub sie wieder an. Du siehst aus wie ein Idiot.“

Menschen vor einem Campingplatz in Frankreich, einige warten am Ticketschalter, im Hintergrund Wohnmobile, eine französische Flagge weht im Wind, das Schild an der Schranke zeigt, dass es sich um einen Campingplatz handelt.